Wer auf der B 27 von Tübingen nach Süden fährt, sieht sie lange vor Hechingen: eine Krone aus Türmen auf einem frei stehenden Bergkegel vor dem Steilhang der Alb. Burg Hohenzollern sieht so mittelalterlich aus, dass viele Besucher erst oben erfahren, wie jung sie ist. Gut 20 Kilometer Luftlinie weiter nordöstlich sitzt Schloss Lichtenstein auf einem Kalkfelsen über dem Echaztal – kleiner, verspielter und ebenfalls ein Kind der Romantik. Beide Anlagen erzählen weniger vom Mittelalter selbst als davon, wie sich das 19. Jahrhundert das Mittelalter vorstellte.
Burg Hohenzollern
Drei Burgen auf einem Berg
Der Zollerberg ist ein Zeugenberg: ein Rest der Albhochfläche, den die Erosion vom Albtrauf getrennt hat und der nun allein vor der Hangkante steht. Schon im 11. Jahrhundert dürfte hier eine Burg der Grafen von Zollern gestanden haben, schriftlich belegt ist sie seit 1267. Diese erste Anlage endete gewaltsam: Nach fast einjähriger Belagerung eroberten und zerstörten Truppen des Schwäbischen Städtebunds sie im Mai 1423. Ab 1454 entstand eine zweite Burg, die im Dreißigjährigen Krieg mehrfach den Besitzer wechselte und im 18. Jahrhundert verfiel. Von ihr blieb nur die Kapelle St. Michael, deren mittelalterlicher Teil aus den Jahren 1454 bis 1461 stammt.
Ein Jugendtraum des Königs
Dass wieder eine Burg auf dem Gipfel steht, geht auf Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zurück. Als Kronprinz besuchte er 1819 die Ruine, und der Gedanke an einen Wiederaufbau ließ ihn nicht mehr los; als König nannte er das Vorhaben 1844 einen „Jugendtraum-Wunsch“. Die Pläne lieferte der Berliner Architekt Friedrich August Stüler, der später auch das Schweriner Schloss vollendete. Die Festungswerke mit Toren und Rampen entwarf der Ingenieur Moritz von Prittwitz. Der Grundstein wurde 1850 gelegt, eingeweiht wurde die Burg 1867 unter Wilhelm I., dem Bruder und Nachfolger des inzwischen verstorbenen Bauherrn.
Gebaut wurde nicht zum Wohnen, sondern für das Gedächtnis – bewohnt war die Burg nie für längere Zeit. Sie sollte die Herkunft einer Familie zeigen, die vom Zollerberg stammte und zu Kurfürsten von Brandenburg, Königen von Preußen und Deutschen Kaisern aufstieg; die schwäbische Linie stellte die Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen und später die Könige von Rumänien. Lange teilten sich beide Zweige die Burg. Mit Wirkung zum 31. Dezember 2025 übertrug die schwäbische Linie ihr Drittel an die preußische, die seitdem alleinige Eigentümerin ist.
Rundgang zwischen Bastionen und Kapellen
Schon der Aufstieg gehört zur Inszenierung. Hinter dem Adlertor mit seiner Zugbrücke windet sich der Weg in vier Schleifen nach oben, eine davon im Inneren eines gewölbten Rampenturms, die nächste offen direkt darüber. Die Bastionen sollten tatsächlich verteidigungsfähig sein. Im Burghof stehen zwei Gotteshäuser: die katholische Kapelle St. Michael mit Glasfenstern aus dem späten 13. Jahrhundert, die aus einer Klosterkirche hierher kamen, und die evangelische Christuskapelle, die Stüler nach dem Vorbild des Westchors im Naumburger Dom entwarf. In ihr standen von 1952 bis 1991 die Särge der preußischen Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., ehe sie nach Potsdam zurückkehrten.
Stammbaumhalle, Grafensaal, Bibliothek und die Salons von König und Königin zeigen den Historismus in Reinform: Gewölbe, Wandmalereien und Glasfenster, die das Mittelalter feierlicher zeigen, als es je war. In der Schatzkammer liegen die preußische Königskrone und Erinnerungsstücke an Friedrich den Großen, darunter Tabaksdosen. Eine davon soll ihm der Überlieferung nach 1759 in der Schlacht bei Kunersdorf eine Gewehrkugel abgefangen haben.
Von den Bastionen reicht der Blick bei klarer Sicht weit über das Albvorland. Die schönste Ansicht der Burg selbst bietet das Zeller Horn, ein Aussichtspunkt am Albtrauf oberhalb von Onstmettingen.
Schloss Lichtenstein
Ein Schloss nach einem Roman
1826 erschien der historische Roman „Lichtenstein“ des jungen Stuttgarter Schriftstellers Wilhelm Hauff. Er spielt im frühen 16. Jahrhundert, als Herzog Ulrich von Württemberg vertrieben war, und lässt den geächteten Herzog in einer Höhle nahe der Burg Lichtenstein Zuflucht suchen. Das Buch, angeregt von den Romanen Walter Scotts, wurde rasch populär und machte den Felsen zum Ziel romantischer Wanderer. Eine Burg stand dort allerdings längst nicht mehr: Auf den Grundmauern der verfallenen Anlage hatte Herzog Friedrich II., der spätere König Friedrich I., 1802 ein schlichtes Forst- und Jagdhaus errichten lassen.
Graf Wilhelm von Württemberg, ein Vetter des Königs und begeisterter Freund des Mittelalters, kaufte das Anwesen 1837 und ließ das Forsthaus abbrechen. Nach Plänen des Architekten Carl Alexander Heideloff entstand von 1840 bis 1842 ein neugotisches Schlösschen auf dem Felskopf. Wilhelm wurde später zum Herzog von Urach erhoben; seine Nachkommen besitzen das Schloss bis heute. Nach der Revolution von 1848/49 ließ er die Vorburg mit Graben und Geschützstellung ausbauen – mehr Kulisse als Verteidigung, aber ganz im Geist der Burgenromantik.

Klein, steil und dicht bebaut
Die Räume auf dem schmalen Fels sind kompakt, aber reich ausgestattet: Im Rittersaal erinnert das Wappen der alten Herren von Lichtenstein an die Vorgängerburg, die Ausmalung der Räume stammt von dem Maler Georg Eberlein. Die Innenräume zeigt die Schlossverwaltung bei Führungen. Im Burghof stehen historische Geschütze, und an der Felskante öffnet sich der Blick hinunter ins Echaztal: Rund 250 Meter tiefer liegt das Dorf Honau, bei dem die Echaz entspringt.
Die Schwäbische Alb
Beide Burgen stehen am Albtrauf. Das Gebirge besteht überwiegend aus Kalkstein, und wo Wasser den Kalk löst, entstehen Höhlen, Dolinen und Quelltöpfe. Die Burgen lassen sich deshalb gut mit einer Wanderung oder einem Höhlenbesuch verbinden.
Die Nebelhöhle bei Sonnenbühl, wenige Kilometer südwestlich von Lichtenstein, ist die Tropfsteinhöhle, in der Herzog Ulrich der Überlieferung nach Zuflucht fand – Hauffs Roman machte sie berühmt. Ebenfalls in Sonnenbühl liegt die Bärenhöhle, benannt nach den Knochen von Höhlenbären, die dort gefunden wurden. Unterhalb des Schlosses, in Honau, öffnet sich die Olgahöhle, die als eine der größten Kalktuffhöhlen Deutschlands gilt.
Am Nordrand der Alb verläuft der Albsteig, ein traditionsreicher Fernwanderweg des Schwäbischen Albvereins, der auf gut 350 Kilometern von Donauwörth nach Tuttlingen führt. Die Etappe von Honau nach Willmandingen kommt direkt an Schloss Lichtenstein und an der Nebelhöhle vorbei.
Besuch planen
Mit dem Auto schaffen Sie beide Burgen an einem Tag, die Fahrt dazwischen dauert knapp eine Stunde; mit Bahn und Bus planen Sie besser eine Burg pro Tag. Für Hohenzollern brauchen Sie einen halben Tag, für Lichtenstein zwei bis drei Stunden.
So kommen Sie zur Burg Hohenzollern
- Mit der Bahn
- Hechingen liegt an der Bahnstrecke von Tübingen nach Sigmaringen. Vom Bahnhof fahren Busse zum Parkplatz unterhalb der Burg.
- Mit dem Auto
- Über die B 27 zwischen Tübingen und Balingen, der Beschilderung zur Burg folgen; großer Parkplatz am Fuß des Burgbergs.
- Zu Fuß
- Vom Parkplatz führt ein zunehmend steiler Weg in etwa 25 Minuten zum Adlertor; alternativ fährt ein Pendelbus hinauf.
- Barrierefreiheit
- Steile, gepflasterte Wege und viele Stufen; nur eingeschränkt zugänglich.
Fahrpläne und Zufahrten ändern sich. Bitte prüfen Sie vor der Reise die aktuellen Angaben der Verkehrsverbünde und der Burgverwaltung.
So kommen Sie zu Schloss Lichtenstein
- Mit Bahn und Bus
- Nächster größerer Bahnhof ist Reutlingen; von dort fahren Busse ins Echaztal nach Lichtenstein und Honau.
- Mit dem Auto
- Von Reutlingen über die B 312 durch das Echaztal und den Albaufstieg bei Honau; Parkplatz in der Nähe des Schlosses.
- Zu Fuß
- Von Honau führt ein steiler Waldweg mit gut 250 Höhenmetern hinauf, rechnen Sie mit etwa einer Stunde.
- Barrierefreiheit
- Brücke, Treppen und enge Räume; nur eingeschränkt zugänglich.
Fahrpläne und Zufahrten ändern sich. Bitte prüfen Sie vor der Reise die aktuellen Angaben der Verkehrsverbünde und der Schlossverwaltung.
Beste Reisezeit
Der Herbst bringt Laubfärbung, klare Fernsicht und Nebelmorgen. Früh am Tag ist es auf beiden Burgen ruhiger.
Kombinieren mit
Tübingens Altstadt, der Nebelhöhle oder einer Etappe auf dem Albsteig.
Häufige Fragen
Ist Burg Hohenzollern eine echte mittelalterliche Burg?
Nur in Teilen. Die heutige Anlage entstand von 1850 bis 1867, aus dem Mittelalter stammt im Wesentlichen die Kapelle St. Michael.
Wem gehören die beiden Burgen?
Burg Hohenzollern gehört seit dem 31. Dezember 2025 allein der preußischen Linie des Hauses Hohenzollern, zuvor hielt die schwäbische Linie ein Drittel. Schloss Lichtenstein ist im Besitz der Herzöge von Urach.
Kann man die Innenräume auf eigene Faust besichtigen?
Das hängt von Burg und Saison ab. In Lichtenstein werden die Innenräume bei Führungen gezeigt, auf Burg Hohenzollern gibt es je nach Zeitraum Führungen oder Rundgänge. Maßgeblich sind die Angaben der Burgverwaltungen.
Was verbindet Lichtenstein mit Neuschwanstein?
Beide gehören zur Burgenromantik des 19. Jahrhunderts, die das Mittelalter als Ideal neu baute. Lichtenstein war gut ein Vierteljahrhundert früher fertig: Neuschwanstein wurde erst ab 1869 gebaut.
